Theatertreppen

Typische Vertreter der neuen Baukunst, besonders aber ihre Entwicklung im 19. Jh. sind die Treppen der Theater und Opernhäuser. Die Hoftheater des 17. und 18. Jh. sind für unsere Betrachtung weniger interessant, da die Innentreppen ohne sonderlich architektonische Rücksichten dort angelegt wurden, wo sie am wenigsten störten. Eine künstlerische Behandlung haben sie in jener Zeit selten erfahren.

Als im 19. Jh. einige Theater abbrannten und viele Menschen umkamen, wurde man auf die in solchen Gebäuden angesammelten Gefahrenherde aufmerksam und bemühte sich nun ernsthaft um publikumssichere Konstruktionen, bei denen es in der Hauptsache auf eine Abschirmung der Treppen ankam.

Die aufsehenerregendsten Katastrophen des 19. Jh. waren:

1836 St. Petersburg, Lehmann-Theater, 800 Tote

1845 Quebec, Royal- Theatre, 500 Tote

1846 China, Canton- Theatre, 1400 Tote

1847 Karlsruhe, Hoftheater, 68 Tote

1881 Nizza, Theater, 200 Tote

Die neuen Sicherheitsbestimmungen zwangen Architekten, allseitig brauchbare Lösungen zu finden, um den Auf- und Abgang der Besucher – selbst im Falle einer Gefahr – sicherzustellen.

Die Vorschriften der Baupolizei engen notwendigerweise den Bereich der schöpferischen Möglichkeiten ein. Dennoch hat es die Architekten immer danach gedrängt, die Treppen nicht nur Funktionsglieder sein zu lassen, sondern Gestaltungselemente.

 

Burgtheater, Wien

Bauherr: Kaiser Franz Joseph I. 1830 / reg. 1848-1916

Grundriss: Gottfried Semper (1803-1879)

Fassadengestaltung: Karl Freiherr v. Hasenauer (1833-1894)

Baustil: Neubarock

Grundriss, Burgtheater, G. Semper (Zeichnung: Friedrich Mielke)

Bauzeit: 1874-1888

Beim Burgtheater liegen zwischen der Vorhalle und dem Logengang radial zum Zuschauerraum sieben geschlossene Treppen.

Sie werden ergänzt durch zwei weitere Treppenhäuser an den Enden der Vorhalle und durch zwei symmetrisch angeordnete Treppen, die vom Logengang her zugänglich sind. Diese insgesamt elf Treppen sollen die Besucherströme so differenziert wie möglich zu den Sitzplätzen und auch wieder zurück zur Vorhalle führen.

Burgtheater, Große Logentreppe (Bild: Friedrich Mielke)

Diese Treppe führt zur Loge der kaiserlichen Familie. Die prachtvolle Ausstattung und auch technische Neuerungen (z.B. elektrisches Licht) wurden vom Wiener Publikum sehr schnell angenommen.

Mariinski-Theater,  St. Petersburg

Haupteingang mit Foyer

Das Mariinsky-Theater, benannt nach Zarin

Marija (Maria) Alexandrowna, einer Prinzessin aus dem Hause Hessen-Darmstadt, ist eines der weltweit berühmtesten Opern- und Balletthäuser. Als 1886 das 1783 erbaute Petersburger Bolschoi-Theater als baufällig beurteilt wurde, musste das gesamte Ensemble umziehen und Opern- und Ballettaufführungen fanden nun im Mariinsky statt.

1935 erhielt es den Namen Kirow-Theater (ehemaliger Staats- und Parteifunktionär unter Stalin) und wurde 1992 wieder in Mariinsky-Theater umbenannt.

Das Gebäude fast 2000 Zuschauer.

Haupttreppenaufgang

Bauherr:    Zar Alexander II. (1818-1881)

Reg. 1855-1881

Architekt: Alberto Cavos (1800-1863)

Bauzeit:    1860

Tertro alla Scala, Mailand

La Scala, beinahe ein nationales „Heiligtum“ der Italiener, untergebracht in einem schlichten neoklassizistischen Gebäude, liegt an der Piazza della Scala.

Als das Teatro Ducale 1776 abbrannte, erteilte Maria Theresia den Auftrag zum Neubau eines der bekanntesten und berühmtesten Opernhäuser der Welt.

Giusèppe Piermarini baute das neue Theater 1776-78 wieder auf.

1943 fast völlig zerstört, wurde es 1946 wieder neu aufgebaut zu einem Logen-Theater mit 2200 Plätzen. 2002-2004 wurde die Scala wegen Mängel an der Bausubstanz umgebaut. Akustik und Technik entsprachen nicht mehr den derzeitigen Ansprüchen. Der Besucher sieht die gleiche prachtvolle Ausstattung wie 1778.

Treppenaufgang zu den Logen

Das Foyer

Opernhaus Odessa,  Ukraine

Auf Anweisung der Zarin Katharina der Großen wurde 1794 die Stadt Odessa gegründet.

Eines der Wahrzeichen der Stadt am ukrainischen Schwarzmeerhafen ist das Opernhaus.

1809 war die Eröffnung des ersten Theaters im klassizistischen Stil. Durch einen Defekt an der Gasbeleuchtung brannte das Haus im Januar 1873 ab.

Haupteingang

Der Wiederaufbau des heutigen Opernhauses begann 1883. Das Wiener Büro Fellner & Helmer hatte einen international ausgeschriebenen  Wettbewerb gewonnen, und im Herbst

1887 war die Wiedereröffnung. Mit 1636 Plätzen war sie nach der Mailänder Scala nicht nur das größte Opernhaus der Welt, sondern auch eines der prächtigsten Theater.

Das äußere Gebäude wurde im Neubarocken-Stil errichtet. Auf dem Hauptportikus steht auf einem Streitwagen, der von vier Leoparden gezogen wird, die Muse Melpomene (Muse der tragischen Dichtung). In der linken Hand trägt sie eine Fackel, die rechte ist zum Gruß für die Theaterbesucher erhoben. Auf den Postamenten oberhalb der Säulen befinden sich Figurengruppen, die Jugendlichen das Tanzen beibringen. Rechts und links neben dem Eingang sind zwei weitere Figurengruppen, die die Komödie und die Tragödie darstellen.

Die französische Treppe

Das Opernhaus hat kein zentral gelegenes Treppenhaus, sondern  zwei seitlich gelegene Treppenaufgänge.

Das Bild zeigt den Treppenantritt im Erdgeschoß mit einem reichverzierten Stichbogen im Antrittsportal, zwei Antrittspostamente mit vergolden Putten. Die Treppe hat eine Laufbreite von 310 cm. Die ersten fünf Stufen sind konvex verzogen, um einladend auf den Besucher zu wirken. Das Steigungsverhältnis von 14/36 cm ist für diese 20 Stufen mehr als angenehm. Der Handlauf mit einer Breite von 21 cm weist drei Wülste auf, an denen man Halt findet.

Das Treppenhaus und der große Saal sind im Spätbarock-Stil luxuriös dekoriert und reich vergoldet.

Die Treppenanlage besteht aus fünf geraden Armen mit einem Zwischenpodest und zwei Eckpodesten.

Bildmitte, fünfter Treppenarm

14 Stufen von insgesamt 18 Stufen des vierten Treppenarmes sind in konvexer Form erstellt, wobei die erste Stufen einen Bogen von 14 cm aufweist, der sich bei den folgenden Stufen um 1 cm reduziert. Mit einer Treppenlaufbreite von 300 cm ergibt sich für den Benutzer ein erhabenes Gefühl in dieser Umgebung die Treppe zu besteigen. Auf den Postamenten des letzten Treppenlaufs befinden sich vergoldete Kandelaber, umgeben von tanzenden Paaren.

Das Geländer mit seinen durch die Baluster streng-symmetrischen Gliederungen, den  ornamentierten Füllungen, z.B. Palmettenornamenten (Palmbäumchen), den C-Schnörkeln und den Rosetten, stammen aus den Zeiten des Rokoko.

Auch die Wand- und Deckendekorationen sind der gesamten Raumsituation angepasst.