Beton

Der französische Gärtner Joseph Monier hat 1867 als erster ein Verfahren zum Patent angemeldet, nachdem er festgestellt hatte, dass seine Pflanzkübel, die er mit Baumaterialien, Sand, Kies und Zement als Bindemittel, gemischt mit Wasser und eingelegtem Metallgerippe, keine Risse aufwiesen. Dies war der Beginn des Stahlbetons. Durch neu entwickelte Techniken gelang es, die Formbarkeit und Plastizität des Betons nutzbar zu machen und ihm durch Armierungseisen Festigkeit zu verleihen. Durch die hohe Druckfestigkeit des Betons in Kombination mit der Zugfestigkeit des Stahls wurden große Spannweiten möglich z.B. auskragender Decken auf schlanken Pfeilern als tragende Elemente gebaut werden. Die gute Formbarkeit beim Beton ermöglicht in Verbindung mit seiner Zugfestigkeit den Guss von Formen, die man aus Stein nicht herstellen kann.

Emigration führender moderner Architekten und Zweiter Weltkrieg unterbrachen die kontinuierliche weiter Entwicklung der neuen Architektur. Durch Zerstörung und Umschichtung der Bevölkerungsstruktur entstanden gewaltige Bauaufgaben. Ihnen entsprach ein quantitativer Bauwille, der wie nie zuvor die Breite des Volkes erfasst. In Deutschland wurden beispielsweise zwischen 1945 und 1980 mehr Kirchen gebaut als 400 Jahre vorher.
Der Fortschritt der industriellen Revolution stand im Dienst einer Architektur, die für die Masse bestimmt war mit der Forderung nach rationellem Bauen. Der Weg zur Serie und Vorfertigungen nahm somit seinen unaufhaltsamen Lauf. Es entstanden menschenfeindliche Wohn-Hochhäuser, die seelenlosen Trabanten- und Innenstädte, aber auch manches kirchliche Seelensilo bestätigte die Erkenntnis, dass die technischen Möglichkeiten an sich wertfrei sind und erst durch den Missbrauch oder die Dummheit schädlich werden. (Baustilkunde 1982).

Bedingt durch eine infolge ihrer massenhaften Verbreitung einsetzender  Einfachheit der unterdurchschnittlichen, modernen Architektur, entwickelte sich Anfang der 70er Jahren ein Ausdruckswert anstrebend und mit historistischen Stilzitaten zu operieren. Man nannte diesen Stil “Postmoderne”

Es folgte im Volksmund genannte Nostalgiewelle und man erkannte den Wert des Holzes wieder.
Natürlich hat der Beton seine Berechtigung im Bauwesen und er ist auch nicht wegzudenken, wie z.B. beim Bau von Hochhäusern, Hallen, Brücken, Unterführungen, Stadien, Bahn – und Hafenbauten, Rüstungsindustrie und Kernkraftwerken.

Sichtbeton – Klassen

In dem Merkblatt Sichtbeton des Deutschen Beton- Bautechnik – Vereins gibt es vier Sichtbeton – Klassen. Entsprechend diesen Klassen werden Anforderungen an geschalte Sichtbetonflächen definiert.

Diese betreffen:

  1. Schalhaut (Textur)
  2. Arbeits- und Schalhautfugen sowie die Porigkeit
  3. Farbtongleichmäßigkeit und Ebenheit des Betons
  4. Zusätzlich werden Anforderungen bezüglich einer Erprobungsfläche und der Schalhautklasse den Sichtbetonklassen zugeordnet.

Anforderungen Sichtbetonklasse                                            Beispiel

 

gering SB 1 Kellerwände oder Bereiche mit vorwiegend gewerblicher Nutzung
normal SB 2 Treppenhausräume, Stützwände
besonders SB 3 Fassaden im Hochbau
besonders hoch SB 4 Repräsentative Bauteile im Hochbau

Bundeskanzleramt

 

Das Bundeskanzleramt in Berlin-Tiergarten wurde von 1997-2001 von den Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank errichtet. Die Grundfläche beträgt ca. 19 000 m², der Mittelbau hat eine Höhe von 36 m. Das Gebäude ist in weitgehendste Sichtbeton Klasse SB 4 hergestellt. Nach Aussage eines Bausachverständigen sind verschiedene Bauteile bis zu viermal erneuert worden.

Das Hauptgebäude mit seinen 8 Etagen wird beidseitig  flankiert von zwei Büroflügeln, in denen sich 300 Büros von je 20 m² befinden.

Im Jahr 2007, d. h. 6 Jahre nach dem Einzug des Bundeskanzlers, musste der Sichtbeton der  unästhetisch Flecken an der Westfassade aufwies, gereinigt und die Oberfläche vor weiteren Witterungseinflüssen geschützt werden.

Die Schweizerische Botschaft Berlin ist der Sitz der diplomatischen Vertretung der Schweizerischen Eidgenossenschaft in Deutschland . Nachdem die linke Haushälfte in den Jahren 1870/71 gebaut wurde ist sie mehrfach von verschiedenen Eigentümer umgebaut worden. Ab 1920 diente es als Kanzlei der Schweizer Gesandtschaft sowie als Residenz des Gesandten. Es war das einzige Bauwerk im Spreebogen ohne gravierende Schäden. Ab 1992 wurde es wieder Sitz der Schweizerischen Botschaft.

Nach den Entwürfen des Architekturbüros Diener & Diener erhielt das Gebäude 2001 eine Erweiterung. Die Gebäudehülle bestand aus einem in rosa eingefärbten Beton. An der Fassade war jede neue Betonmischung sehr gut zu erkennen, da sie sich durch einen dunkleren Streifen absetzte.

In den letzten zwei Jahrzehnten besuchte ich mehrfach Berlin und kam an diesen Gebäuden regelmäßig vorbei,  leider habe ich es versäumt das Bauwerk in diesem Zustand zu fotografieren. Vor ein paar Jahren wurde es einheitlich übertüncht.

In der renommierten Zeitschrift  „Detail“ hatte die Betonindustrie ein Artikel verfasst das Beton, der Marmor des 21.Jh. sei. Ein Jahrhundert kann schnell vorüber sein!

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Die Lanxess Arena in Köln, erbaut 1998, war Vorreiter für die ersten Sichtbetontreppen

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Die Treppenaufgänge zu den Rängen (Quelle: LANXESS arena)

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Betontreppe, veröffentlicht in Detail 5/2007

Der Beton in seiner Naturfarbe Grau ist in farbpsychologischer sowie semantischer Hinsicht keine positive Farbe. Viele Architekten stellen sich diese Frage nicht und beharren auf ihrem autonomen künstlerischen Standpunkt. Den Beton einzufärben ist eine große Herausforderung und für Fachleute erfordert es viel Wissen und Übung. Bisher hat die Betonlobby nur wenige Referenzobjekte.
Bei Treppenanlagen in Gebäuden, bei denen der Fußboden mehr als 7 m über Geländeoberfläche liegt, verlangt die Bauordnung einen feuerbeständigen Baustoff. Für diese brandschutztechnischen Eigenschaften gibt es kaum eine wirtschaftliche Alternative zum Beton.
Bei einer Massivbauweise in Beton sollte der Stufenbelag schallentkoppelt sein, oder bei industriell vorgefertigten Treppen müssen die Auflager schallentkoppelt werden.
Vorgefertigte Treppen haben eine bessere Oberfläche und sind maß- haltiger als solche aus Ortbeton (Vorort geschalter und gegossener Beton). Fertigteiltreppen werden im Rohbau eingebracht; zu diesen Zeitpunkt müssen die Höhen des Fussbodenaufbaues und des Oberbelages feststehen. Die Erfahrung zeigt allerdings, wenn ein Bau nicht schlüsselfertig übergeben wird, dass in letzter Sekunde über die Höhe des Estrichs und des Belages entschieden wird.

 

Historie

Das Pantheon in Rom, 27 v. Ch. gebaut, hat eine Höhe von 43,6 m. Die Dachkuppel in Form einer Halbkugel weist eine Spannweite von 43 m auf. Forscher haben ermittelt, dass die Kuppel aus Eisenbeton besteht. Als einzige Lichtquelle dient ein Kuppelauge mit einer Öffnung von 9m Durchmesser. Diese Öffnung mit den umgebenden Mauern ist so gewählt, dass die Thermik ein Eindringen von Niederschlagswasser verhindert.

 

Abb28

Pantheon, Rom

Weimar

1904 beauftragte der Großherzog von Sachsen-Weimar, Henry van de Velde, ein Ateliergebäude der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für bildende Kunst zu errichten. 1907 nahm die „Kunstschule Weimar“ unter Leitung von Henry van de Velde die Arbeit auf.

1. Beton van de Velte 1907

Die Treppe im Hauptgebäude, die Henry van de Velde 1907 fertiggestellte

ffm Wayss & Freytag 1952 Mil. S.323

Das Treppenauge in ovaler Form. Die Treppenanlage verbindet drei Ebenen miteinander

Mit dem 1907 gegründeten „Kunstschule Weimar“ unter Leitung von Henry van de Velde wuchs eine avantgardistische Bewegung heran, die den künstlerischen Anspruch mit praktischen und wirtschaftlichen Ansprüchen vereinte. Zu ihren Vertretern zählten Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Bruno Taut. Die verwendeten Materialien sollten kompositorisch ausgewogen und einfach sein. Durch diese Denkanstöße und mit neuen Baustoffen entstanden andere Konstruktionen und Formen die sich vom Historismus ablösten. Sakralbauten, Villen oder auch Reihenhäuser konnten sich mit der neuen Ästhetik sehen lassen.

1912 entstand in Köslin (Pommern) im Rahmen einer Gewerbe-, Industrie- und Landwirtschaftsausstellung ein freistehendes Treppenbauwerk mit zwei auskragenden Podestplatten. Mit dem ca. 10 m hohen Bauwerk demonstrierte man die technischen Möglichkeiten dieses Werkstoffes. Es war eine aufsehenerregende, publikumswirksame Demonstration.

Breslau, Jahrhunderthalle

1913 entstand in Breslau mit der Jahrhunderthalle eine imposante Architektur und kühnes Werk der Ingenieurbaukunst.

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Breslau Jahrhunderthalle 1913 mit 2o.000 Sitzplätze

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Ein Model der Jahrhunderthalle

Goetheanum, Dornach, Schweiz

In den Jahren zwischen 1923 und 1928 entstand das Goetheanum 2 in Dornach bei Basel. Nach dem Brand des ersten Goetheanum, das aus Holz bestand, fertigte Rudolph Steiner das zweite Bauwerk in Beton. Es wurde eine Meisterleistung, bei der statische und plastische Ansprüche zu erfüllen waren, besonders im Schalungsbau.

Abb30

Gothaneum in Dornach bei Basel, Schweiz. Bauzeit 1923-1928

Florenz, Italien

1932 schöpfte der Ingenieurarchitekt Pier Luigi Nervi die gestalterischen Potentiale des Stahlbetons voll aus. Er schuf für das städtische Stadion von Florenz eine weit auskragende Bogentreppe. Da dies das erste Bauwerk in solch einer gebogenen Form war und es keine statischen Berechnungswerte gab, zog sich der Bau über drei Jahre hin.

Abb29

Städtische Stadion von Florenz, gebaut 1932         

Verfasser: Wolfgang Diehl